...neulich im Einstein

 es war zufällig der Tag, an dem vor vierzig Jahren [!] Adorno das Zeitlich segnete, kam wie selbstverständlich ein Bilanzbegehren über mich, denn auch ein ungläubiger Christenmensch kann sich dem biblischen Bann der Vierzig Jahre kaum entziehen.

Was für Jahre waren das? Vierzig fette oder vierzig magere? Natürlich bezogen auf das, wofür dieser Wiesengrund eigentlich einstand: Denkfreiheit, Diversifikation, Diskursivität. – Ein Freund kramte dessen letzten Text – Resignation – hervor. Da will er sozusagen testamentarisch als der kompromisslos kritisch Denkende in Erinnerung bleiben. Als einer, in dem das utopische Moment desto stärker (ist), je weniger es zur Utopie sich vergegenständlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert.

Waren wir damals selber zeitweise so etwas wie ›Adorniten‹ (auch weil es nur tief im Verborgenen, nur im engsten Freundeskreis bezeugt werden konnte), so wurde für uns über die Jahre viel von seiner sprachlichen Sensibilität durch dessen dialektische Patina stumpf.

Aus der Distanz wurden uns manche seiner zum kritischen Sprichwortbestand zählenden auratischen Denkbilder auf einmal verständlich … und lächerlich, – fanden wir doch, dass sie übersetzbar sind: wenn sie beispielsweise als solche minima socialistica wie neulich – hochsauerländisch – zum Besten gegeben wurden – »Wir könn’ nicht sicher sein, dass wir es schaffen, aber niemand anders kann auch nicht sicher sein, dass er es schafft« – Das machte uns klar, worunter wir wieder geraten waren (und dem wir – nach zwanzigjähriger Distanz – glaubten entronnen zu sein …)

Resigniert müssen wir bekennen: es bleibt Adorno unser lebendiger Zeitgenosse, denn wir leben massenmedial nach seiner Maxime [SW, 4, 216]: Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen.

Steffen Dietzsch

Geschrieben von: Dietzsch Steffen
Rubrik: Bannkreis