Kerbers Kolumne. Aufnahme: ©JCK 2020 Aufnahme: ©MCK

Dr. jur. Markus C. Kerber ist Professor für Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik an der TU Berlin, Gründer von www.europolis-online.org. In seiner Kolumne nimmt er Beobachtungen aus dem politischen und juristischen Alltag der Nation zum Anlass für zeitdiagnostische Überlegungen: provokant-ironisch im Ton, tabubrechend, wo es sich empfiehlt, mit jenem Maß an Schärfe, das nötig ist, um zu sehen, in welchem Fahrwasser sich die öffentlichen Dinge hierzulande bewegen.

von Markus C. Kerber

Wer am Tag der Deutschen Einheit den Mut fasste, einen ausgedehnten Spaziergang durch den Berliner Stadtbezirk Kreuzberg-Friedrichshain zu unternehmen, der traf auf jene Jugend- und Kreativszene, die nach Meinung vieler dem kleinsten Stadtbezirk Berlins mit immerhin fast 300 000 Einwohnern seine Würze gibt. Ja, hier ging die Post ab, könnte der wohlmeinende Beobachter und Spaziergänger milder Observanz glauben. Kaum eine location an der Spree auf östlicher oder westlicher Seite, an der nicht lange Schlangen von jungen Leuten – ganz überwiegend ohne Maske – Schlange standen, um Einlass zu irgendeinem event zu erhalten.

Die Kultstätten der Berliner Eventkultur schienen auch zu Coronazeiten und trotz alarmierender Ansteckungszahlen aus dem betreffenden Bezirk und dem angrenzenden Bezirk Berlin-Mitte an Anziehungskraft nichts verloren zu haben. Einerseits ist es gewiss ermutigend, dass viele zum Teil herrenlose Fabrikgelände entlang der Spree nicht der Luxusbebauung überlassen, sondern für die Kultur fruchtbar gemacht werden konnten. Wer indessen am Schlesischen Tor weiter gen Süden fuhr, der sah Massen von jungen Leuten in der dort sprießenden Gastroszene bei Mexican Cocktails und Indian Dinners herzend vereint. Ihnen ging es gewiss nur sekundär um den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit. Sie nutzen vielmehr die Gelegenheit, um das zu machen, was die junge Generation heute ganz oben auf ihrer Agenda schreibt: ›Ich mach mein Ding!‹

Und wer sein Ding macht, der verschwendet auch nicht Gedanken auf die Voraussetzungen einer freien Gesellschaft oder auf die Wiedervereinigung der Deutschen vor 30 Jahren in Freiheit und Selbstbestimmung, sondern er lebt sich aus, ohne dass ihn das Wohl Dritter auch nur ansatzweise berührt.

Derweil machte Covid-19 Fortschritte und die bewusste Fahrlässigkeit unterschiedlichster Gruppierungen in westlichen Demokratien, ganz allgemein aber in Berlin Friedrichshain in besonders anschaulichem Maße, dürfte die Infektionszahlen nach oben schnellen lassen.

Das haben die Repräsentanten der Berliner Nischenkultur und der Immobilienunternehmer im Weißen Haus namens Trump, der keine Steuern zahlt, gemeinsam. Sie meinten sich einen Kehricht um die Corona-Krise scheren zu müssen und haben schließlich nicht nur sich selbst, sondern auch andere angesteckt.

Schadenfreude ist hier deplatziert. Denn mit der Eigenansteckung wächst auch das Risiko der Ansteckung Dritter. Selbst wer – wie die meisten jungen Menschen – sich schnell von der Krankheit erholt, riskiert negative Langzeitwirkungen. Jedenfalls sind diese bislang unzureichend erforscht.

So ergeben sich zwischen den Ravern in Friedrichshain und Donald Trump erstaunliche Gemeinsamkeiten. Sie verstehen Freiheit als ein Individualrecht ohne Bindung. Sie praktizieren damit ein Freiheitskonzept ohne jegliche Rücksichtnahme. Die westlichen Demokratien sind stolz auf die Errungenschaft des Schutzes individueller Freiheitsrechte, aber sie zerstören sich, wenn es keinen zivilgesellschaftlichen Konsens über einen Minimalkanon von Pflichten gibt. Dazu gehört die Rücksichtnahme auf Dritte, von Nächstenliebe ganz zu schweigen. Wenn indes Parteipolitiker dem Hedonismus das Wort reden, ist die demokratische Dekadenz vorprogrammiert.

Derweil bemühen sich die Institutionen der amerikanischen Demokratie die Folgen der bewussten Fahrlässigkeit ihres Präsidenten für die Regierbarkeit des Landes einzugrenzen. In Kreuzberg-Friedrichshain hörte man währenddessen von der zuständigen Bezirksbürgermeisterin, dass sie das Angebot der Bundeswehr abgelehnt habe, mit einer App die Nachverfolgung von Infektionen zu erleichtern. Sie setze allein auf Aufklärung und guten Willen.

Diese Botschaft schien am Tag der Deutschen Einheit die Klientel der grün-linken Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann nicht erreicht zu haben. Berlin ist und bleibt ein Sumpf. Zu hoffen ist, dass bei der dringenden Suche nach neuen Formen des Regierens ein Institutionenmodell für die deutsche Hauptstadt gefunden wird, wenn Berlin nicht weiterhin ein Hotspot deutscher Dekadenz bleiben soll.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.