von Ralf  Willms

Als »poetischer ›Zwischenbericht‹ (Klappentext) nach dem ›Ortswechsel‹« gilt der Gedichtband Wo es war von Kurt Drawert. Die Bezeichnung ›Zwischenbericht‹ mag sich dem Erscheinungsjahr verdanken, der Gedichtband erschien im vierzigsten Jahr des 1956 geborenen Autors, nachdem der Debütband Privateigentum sieben Jahre zuvor (und vier Jahre vor dem Ortswechsel von Ost nach West) veröffentlicht wurde. Ein Generalthema, das beide Gedichtbände durchzieht, ließe sich so formulieren: Wie behandelt ein politisches System – als gesellschaftliche Wirklichkeit – die Menschen, die in ihm leben?

In der Rede aus Anlass der Verleihung des Uwe-Johnson-Preises Die Abschaffung der Wirklichkeit, die sich am Ende des Bandes findet, stößt man auf eine Vielzahl von Äußerungen zur Ausgangssituation. Ein Programm zur ›Abschaffung der Wirklichkeit‹ (notwendig geworden durch die Auswüchse der jüngeren Geschichte), »um die Idee von Wirklichkeit als eine herrschende Idee zu behaupten«, war die Grund-Situation des DDR-Staates und ist somit die »Grunderfahrung« (S. 119) des Autors. Um diese Idee als gesellschaftliche Wirklichkeit zu konstituieren (und zu konsolidieren), bedurfte es des entschiedenen Umgangs mit der Sprache, die – bei ausgebliebener kollektiver Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus – bald erneut zum schieren Machtinstrument verkam und lediglich ein spezifisch-rabiates Ein- und Ausschluss-Verfahren legitimierte. Die wohl geeignetste Plattform für eine neuerliche Verbreitung des »stinknormalen Bürgers« und sein »Entfaltungspotenzial«, dieses Mal von »humaner Ideenseite« her. »Und er«, so Kurt Drawert (S. 119 f.), »der sich dieser Sprache zu entziehen versuchte, ist der Gefährdete gewesen, das Sorgenkind, der Sitzenbleiber, der schon etwas von einer Krankheit im Blick gehabt hat und dessen schwerer, gedrückter Gang allen zeigte, daß er so richtig keinen Fuß auf diesen Boden bekommt. Er war, um ein Bild meines Lehrers zu gebrauchen, der, den man zur Spreu warf. Sein Vergehen ist seine Skepsis gewesen und seine störende Nachfragerei, die nur von schlechter Lektüre herrühren konnte, wie sie offensichtlich über geheime Kanäle herübergekommen war.«

Auf der anderen Seite, im Westen, bediente man sich – man weiß es – derselben Argumente, desselben Phrasenapparats, dessen wesentliche Funktion – dort wie hier – in der Verschleierung liegt.

Dem ersten Gedicht, das den Titel Sisyphos trägt, sind einige Zeilen vorangestellt, die Programmatisches enthalten:

 

...jedoch die Texte

meinen uns nicht mehr und leer,

denn uns ist gegeben, einen falschen Namen

zu tragen und falsch gerufen zu werden

und am giftigen Grund der Benennung

sich das Herz zu zerstören, [...]

 

Der »falsche Name«, so kann mit jenen Auszügen aus Drawerts Preis-Rede geschlossen werden, wurzelt in der Versuchsanordnung einer Wirklichkeit, die nur die alten, überaus gewöhnlichen Muster unter neuem Zeichen auflegte. Da es jahrhundertealte, ur-alte Muster sind, die sich weitgehend geschlossen präsentieren, können sie das jeweils aufkeimende Leben als solches nicht »meinen«. Es reicht indessen aus, nur ein paar Jahrzehnte zurückzugehen, um des Umgangs mit Namen und etikettierenden Bezeichnungen wie Benennungen in seiner verächtlichsten Form gegenwärtig zu werden. Paul Celan deutete noch 1961 darauf, wenn er schreibt: »Alle die Namen, alle die mit- / verbrannten / Namen.« Diese unbearbeitete Vergangenheit, deren Tendenzen fast bruchlos über das neue System hinweg das gesellschaftliche Klima bestimmten, dominiert auch die Gedichtbände Kurt Drawerts, wenn er in seiner 1996er Rückschau vom »giftigen Grund der Benennung« schreibt, der uns »gegeben« ist, »sich das Herz zu zerstören«:

 

und vielleicht war das Feld

wildernder Rosen

im Umkreis der Sehnsucht

eine Lache von Blut

 

Die »Lache von Blut« verweist auf das Opfer. Und geopfert, bei allen unzweifelhaften Qualitätsanteilen der einzelnen Erziehungsprozesse, wird das jeweils aufkeimende Leben, wenn es seiner Stimme und nicht den eingeforderten Zuordnungen traut. Das ist die simple, unbillige Formel. Inmitten des Titelgedichts ist zu lesen:

 

Später, an einer empfindlichen Stelle

der Biographie, brach, wie dem einen

die Stimme, dem andern


das Rückgrat, erinnere dich,

mir war das Glück des Verstummens

gegeben, wo es war.

 

Das sarkastische »Glück des Verstummens« ist indessen tatsächlich ein gewisses »Glück«, stellt man es nur ins Verhältnis zur unaufhörlichen, nicht-existenziellen Rede, dem Gerede, das kaum zur Kenntnis nimmt:

 

Wo es war, hat das Gras schon zu wuchern

begonnen. Die kleine Senke im Boden,

in der ich von Liebe geträumt haben muß,

ist mit Schotter gefüllt, Lachen von Flußtang

und Öl, zerdrückte Aluminiumdosen,


ein Brandfleck. Auch diese Erde

hat ihre Geschichte verleugnet.

 

Das Bild vom Schotter, der die »kleine Senke im Boden« verschloss, »in der ich von Liebe geträumt haben muß«, verweist auf die brutalen Einebnungen, die hier wie da »in Kauf« genommen werden sollen. Das ist der Ort, »wo es war«, wo manche Stimme »brach«.

In seiner Preis-Rede spricht Drawert (S. 120) von den »frühen Jahren, die ich selbst in Hilfsarbeiterschaften verbrachte« und von den vielen, »nicht selten sind es die begabtesten und intelligentesten gewesen«, die zugrunde gingen. Keine Geschichte der Opposition, wie zugestanden wird. »Es wäre die Geschichte einer stillen, subversiven Stimme, die dem einzelnen, von dem ich hier spreche, sehr sicher gesagt hat, was und was nicht möglich für ihn war; einer Stimme, die hier nicht zum Heldentum taugte und dort nicht zum Verrat.«

Die Stimme des Gedichtbandes erkundet genau dies, was für sie möglich ist und was nicht, sie öffnet sich – zumeist ex negativo – ihren faktischen Bedingungen, ihrer »Sehkraft«, sich zwischen allen Fälschungen, an denen sie sich zu schulen hatte, dem Leben anzuschließen. Das ist ihr Anspruch. Ästhetisch umgesetzt scheint er nicht an jeder Stelle: Da sind die sehr allgemeinen Gedichttitel zu erwähnen, die ohne jedes literaturgeschichtliche Gedächtnis gesetzt zu sein scheinen, wie Frühling, Sonett oder Geständnis. Da ist der ›Plauderton‹, in den die Gedichte mitunter verfallen; ob als Eigenheit gedacht oder nicht, erscheint er als Wiederholung des Abgegriffenen: »Sobald die Karten / neu eingemischt sind, wird sich das Blatt / ohnehin wieder wenden, [...].« Stellenweise wird man denken, dass es an Konflikt, an Problematik fehle, die weitere Erkenntnisse hervorbrächten.

Wo es war: Das ist die nicht erzählbare Geschichte der Verletzungen (»als ich in der Distanz herauszubekommen hatte, wie tief die Verletzungen auf dem Grund der Erinnerung waren«), die vorprogrammiert schienen, einkalkuliert wurden und deswegen übelgenommen werden. Es ist auch die nicht erzählbare Geschichte einer sowohl verhinderten wie andeutungsweise erhaltenen Liebe.


Kurt Drawert: Wo es war, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1996, 128 S.

 

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