von Ralf Willms

Zur Kunst des André Schinkel gehört es, die groben Ströme des Lebens in feingliedrige Wortfolgen zu verlegen, so dass diese im eigenen Ton zusammenspielen. Der kurze Prosatext Quartiere am Stadtrand beginnt: »Oh, es ist gut, sich in den Nächten zu betrinken... gemeinsam mit den nervösen und verschwitzten Kollegen sich betrinken nach der Arbeit und in den von Westen aufkommenden Regen zu starren. An diesen Abenden [...] werden wir beginnen, von den Verheißungen zu träumen, die sich uns tags auf den Steigen und Wegen boten – Schenkel und Brüste und Augen waren da in der leuchtenden Luft. In den Nächten, heißt es, schlagen die Herzen von den Erinnerungen lauter. Nachts sind die Gefängnisse für die gebändigten Glieder geöffnet [...].«

Schinkel schöpft aus dem dionysisch Vollen, aus dem, was die Gesellschaft selbst an ihren Rändern allenfalls in Zerrformen gestattet. Nicht nur um diesen zu entgehen, versuchen die Texte die ganze mögliche Zeit-Tiefe auszuloten: »Was Ammoniten in grenzenloser Dunkelheit träumten / Und sich sonst nicht ans Licht wagt«. Höhlen, Senken oder auch der mittelalterlich anmutende Schatten einer Burg sind die bevorzugten, dezentrierten Orte. Aus ihnen kriechen Geister, Feen und mancherlei Wesen, die sich zwischen Überlieferungen und Ahnungen aufspannen.

Das Dionysische ist ein Hauptelement dieser Dichtung: das unentwirrbare Chaos, das nichts von der Trennung der Erscheinungen wissen will, »grobe Ströme«, die noch nicht auseinanderlaufen wollen. Auf dem Titelblatt des Gedichtbands (der einen Zyklus mit kurzer Prosa enthält) findet sich eine weiße, abgeblattete Figur, die wahrscheinlich dem Verkehrsbereich zugehört, auf löchrigem Asphalt. Sie kündigt gewissermaßen ein zweites Hauptelement an, das als Löchriges, als letztlich vom Nichts Ausgehöhltes, sich Verlierendes und Verlorenes, als Erlöschendes umrissen werden kann. Wie vom Blitz getroffen brechen die Erscheinungen ab; doch bei André Schinkel rutschen sie auf der Textebene nicht allzu sehr in Traurigkeit und Schweigen – das formal gestaltet würde – ab. Sie werden vielmehr aufgefangen vom alles dominierenden Element dieser Texte, ihrem Rhythmus. Ohne die gängigen Formen zu wiederholen bzw. zu strapazieren, wird jedes Wort erstlich und letztlich in den Dienst eines eingängigen Rhythmus gestellt, der auch oder gerade dann funktioniert, wenn man den Sinn der Wortgebilde nicht unbedingt versteht bzw. – mit einer gewissen Unschärfe – erahnt. Auch das hat bekanntlich Tradition.

So lassen sich die Gedichte (wie auch die Prosa) nahezu ohne Stockung ›herunterlesen‹; jedoch kaum eine Zeile, in der sich nicht Verstörendes und Aufstörendes – das ausgeklammerte Außerordentliche – finden ließe, das innehalten ließe, um sich gegebenenfalls wieder der »transparenten Rhythmusmaschine«, die an ihren besten Stellen wie Elektrizität auftritt, zu überlassen. Dieser Rhythmus mag – eine solche Metaphorik sei erlaubt – Archaisches evozieren, sowohl Kriege und schwarze Verfolgungsjagden als auch erste Lebensbewegungen und immer wieder, was zunehmend zum ersehnten Erlösungsmittel avanciert, die Sexualität. So entwickelt es sich weiter in Quartiere am Stadtrand: »[...] der Duft der Mägde und Stadtrandzugehfrauen in unseren Gedanken macht uns matt und melancholisch und läßt uns vergehen vor Neid, wenn einer von uns sich losmacht und sich heimlich balgend in einen Frauenleib verwirrt sieht – einer, der sich aus unserem Ring erhob und sich unsere Träume erfüllte, als die meisten von uns erst zu den Quartieren fanden, um sich in den Nächten an einem Bier zu erwärmen. Und wir Übrigen: wir neiden ihm nicht dieses Nachtweib, das sich, stellen wir uns vor, in einer Art kühllippigen Verantwortung ihm hingibt und – in stiller Übereinkunft mit uns, die wir Bier trinken und träumen – ihr Geheimnis bewahrt.« Beklagen lässt sich die durchgängig männliche Sicht auf die Frau, die Wahrnehmung aus dem Versuch einer anderen Perspektive – und von daher Begegnung – kommt praktisch nicht vor. Die bierseligen, rauschhaften Ausschweifungen begünstigen den Ego-Trip.

»Die Sichtung des Unglücks«, schreibt André Schinkel in seiner Rede Seeigelspur. Dankworte anlässlich der Entgegennahme des Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreises für Lyrik 2006, mit der das Buch schließt, »ist die Grundschicht meiner Gedichte, sie war der Anbeginn und der Grund meines Schreibens [...].« Die Gestaltung dieser Grundschicht erfährt – durch Rhythmus und Form – Eindrücke einer Glättung, eines Sich-nicht-wirklich-Einlassens. Sie hebt, was seine Reize hat, an in einem vielstimmigen Chor. Schwach wird es in diesem immer dann, wenn die Sprache die Überbleibsel der zugrunde liegenden Traditionen nicht hinreichend zu transformieren vermag. Insbesondere die Romantik ist vertreten, als läge kaum Zeit dazwischen, so wenn etwa die Rede ist (S. 77) vom »Schimmer der Nacht«, von »Untiefen« oder davon, wie »verloren du bist«. Eindrücklich wird es dann, wenn sich Sinnlichkeit und Zerbrechlichkeit im Schnittpunkt finden, häufig gestaltet durch das Stilmittel der Synästhesie (wie »Adern des Laubs« oder das Schnaufen von Rindern, das gegen Felsen hallt). Die tiefste Schicht der Gedichte, lässt sich argumentieren, liegt in der romantischen Nacht und einer splitternden Hellsichtigkeit an den zurückliegenden Schwellen ihres Erwachens. Beide Pole finden sich – programmatisch – in einem Gedicht wie Selbst im Spiegel des Morgenkaffees:

 

Das ist man nicht – dies gelbgetünchte Wanken,

Der Hexenring des Barts bis um die Ohrn, –

 

Die Lampe brüllt, Erwachensflüsse schwanken,

Im Morgen, sagst du, hast du nichts verlorn.

 

Du schleppst dich durchs Gebälk mit feinen Krämpfen

Und regst dich falb: ein Torkelwurm, –

 

Ein Igelweg ist dein verbissnes Kämpfen

Vom Schlafes-Karzer in den Tagesturm.

 

So hockst du in der Wolkenmilch der Träume

Und suchst den Schlüssel, um dir aufzutun;

 

Und sitzt im Spiegelbild verwelkter Schäume

Fest noch und willst lieber ruhn. –

 

Die Labyrinthe leuchten fern und heiser,

Im Kaffee hängt der Rührstock steif;

 

Das Frührot kommt, ein barscher Weiser,

Und trifft dich matt, zerbrechensreif. –

 

André Schinkel: Unwetterwarnung, Edition Ranis, hrsg. v. Lese-Zeichen e.V., einmalige Sonderausgabe 2007, 100 S.

 

 

 

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