von Ralf Willms

1993 erschienen im Suhrkamp-Verlag Briefe von Peter Szondi. Einige könnten auch Bestandteil der Ausstellung „Engführungen. Peter Szondi und die Literatur" sein, in der unter anderem Notizzettel, Fotografien und Manuskriptseiten gezeigt werden und die noch bis zum 27. März 2005 im Schiller-Nationalmuseum in Marbach a. N. aufgesucht werden kann. Peter Szondi wurde 1929 als Jude in Ungarn geboren und mit fünfzehn Jahren in ein Konzentrationslager deportiert; seine Studienzeit verbrachte er in Zürich, 1956 entstand als Dissertation die Theorie des modernen Dramas, die ihm eine exponierte Stellung in der Literaturwissenschaft einbrachte.

Entgegen den Tendenzen der Moderne betonte Szondi die Formen und entwickelte auf der Basis der Frankfurter Schule eine strukturanalytische Vorgehensweise bei der Textinterpretation, die bis heute einzigartig blieb. In den Sechziger Jahren baute er das Berliner Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft auf und erhielt in der Phase der Studentenbewegung eine öffentliche Aufmerksamkeit, die Philologen gewöhnlich nicht zuteil wird (vgl. a. den Band: Über eine »Freie (d.h. freie) Universität« - Stellungnahmen eines Philologen, Frankfurt/M. 1973).

Der erste von 155 Briefen, den die Herausgeber Christoph König und Thomas Sparr aus dem Nachlass von etwa 2500 Briefen Szondis ausgewählt haben, ist ein sehr persönlicher. Gerichtet ist er an Mario von Ledebur: „Hätt ich nur zwei Tage noch gewartet, vieles was Dich vielleicht befremdet hat, wäre unausgesprochen geblieben." Wer das Buch im Laden anliest und es aufgrund seiner ersten Zeilen kauft, wird enttäuscht: das „Unausgesprochene", das auf zutiefst Persönliches deutet, wird im Folgenden nicht ausgesprochen. Diesen Brief, der seiner Art nach der Einzige bleibt, an den Anfang dieser Auswahl zu setzen, ist den Verantwortlichen sicher als „etwas irreführend" vorzuwerfen. Die Korrespondenz enthält und bietet anderes, die persönliche Aussprache im Brief war offenbar nicht die Sache Szondis. Ein wiederkehrendes Thema ist die Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheit dort, wo noch im Nachhinein Unrecht geschieht. In einem Brief aus dem Oktober 1967, der an den jüdischen Religionsphilosophen Gershom Scholem gerichtet ist, greift Szondi den damaligen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier an, der Reden und Grußbotschaften der 5. Plenartagung des Jüdischen Weltkongresses in Brüssel öffentlich kommentiert, unter anderem von Scholem und Jaspers, die einer Kommentierung wenig bedürfen. Es liege ihm fern, versichert Gerstenmaier, „mit einem Kopfsprung in die Gewässer der Metaphysik oder der Theologischen Anthropologie den Teil der Mitverantwortung zu vernebeln, der an dieser Katastrophe dem deutschen Volk zufällt." Eine solche Äußerung enthält typische Elemente des ganzen Verdrängungs- und Leugnungsapparates, den die „Nachkriegsbewältigung" im Großen und Ganzen darstellt, was Szondi in unbestechlicher Klarheit herausstellt: „Lässt man einmal die Frage beiseite, inwiefern Metaphysik zur Vernebelung beitragen könnte [...] Denn Nebel herrscht, wo der im Namen des Deutschen Reiches vollzogene Massenmord auf den falschen Namen 'Katastrophe' hört und die Verantwortung dafür nur in Form eines 'Teils der Mitverantwortung' dem deutschen Volk 'zufällt'." Für das Passiv „zufällt" reichte die Sensibilität des Amtsinhabers ebenso wenig aus wie für eine moralisch akzeptable Haltung den Opfern gegenüber. So richtet Gerstenmaier an die Adresse Karl Jaspers' die Worte: „Die jüngsten Prognosen eines bekannten Baseler Professors über die Zukunft Deutschlands sind ebenso unbegründet und seine Analysen ebenso falsch wie die Furcht, die das Aufmucken kleiner rechtsradikaler Gruppen in der Bundesrepublik da und dort hervorgerufen hat." Szondi bemerkt zur Anrede, hier werde jemand als „bekannter Baseler Professor" eingeführt, der 64 Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht hat, „als habe sich hier ein Ausländer Sorgen gemacht." Ergänzend ließe sich zum ersten Teil des Satzes sagen, dass manches „falsch" sein kann, aber gewiss nicht aufkommende „Furcht". Wie Gerstenmaiers Äußerungen auf den Lyriker Paul Celan gewirkt haben könnten, der es vorzog, als deutschsprachiger Schriftsteller in Frankreich zu leben, kann seinen Gedichten entnommen werden. Die Briefe von Peter Szondi an Paul Celan gehören zu den bewegenden dieser Auswahl. Sie sind „brisant" vor dem Hintergrund, dass zum schmalen Werk Szondis die „Celan-Studien" gehören, die unter anderem eine sehr detaillierte Interpretation des langen Gedichtes Engführung („Durch die Enge geführt") enthalten. Szondi interpretiert das Gedicht - ausgehend von dem musikalischen Terminus und Kompositionsprinzip „Engführung" - in der hermetischen Tradition, wenn er es auch vom Symbolismus abgrenzt.

Von Celan existieren mehrere Äußerungen, die sich entschieden gegen die hermetische Tradition - als eine „entrealisierte" - wenden, da sie gerade das, was dem Dichter nah gehen musste, ausklammert: nämlich die Erfahrung - und das heißt für Celan wie für viele in dieser Zeit: die Erfahrung des nationalsozialistischen Unrechts. Bekannt ist, dass Celan äußerst scharf auf solche „Fehlinterpretationen" reagieren konnte. Dem befreundeten Gerhard Neumann gegenüber verbat er sich die Teilnahme an seiner Lesung, nachdem er gelesen hatte, dass und in welcher Weise Neumann in seiner Habilitationsschrift Celan mit der „absoluten Metapher" in Verbindung gebracht hatte, die das hermetische Gedicht repräsentiert. Der sowohl mit Celan wie mit Neumann befreundete Gerhart Baumann intervenierte vergeblich bei Celan. So stellt sich die Frage, wie der Briefwechsel zwischen Szondi und Celan aussähe, wären zur Zeit der in Berlin und andernorts durchgeführten Seminare über die „Engführung" die Celan-Studien schon geschrieben gewesen. Die Hauptgedanken werden immerhin bereits gegenwärtig gewesen sein. So bekennt Szondi Celan gegenüber: „In Birmingham war es ein Seminar über 'Engführung' - vielleicht kann ich eines Tages den Aufsatz, den ich seit Jahren plane, doch noch schreiben. Freilich: mit der Einsicht wächst auch die in die Schwierigkeiten." Dass Peter Szondi und Paul Celan eine gewisse Nähe des Wesens verband, könnte man aus einem Brief an Rudolf Hirsch schließen, der 1959 nach einem Besuch Szondis bei Celan entstand: „Gestern war ich lange bei ihm, sein reines kompromissloses leiderfülltes Wesen hat mich tief erschüttert. Wir haben uns, glaube ich, sehr gut verstanden." 1960 schreibt Szondi an Celan, als die Anrede zu den Vornamen gewechselt ist (wenn es auch beim „Sie", wie es in Frankreich üblich ist, bleiben wird): „Wir wollen Freunde sein in dieser so wenig freundlichen Welt." 1967 verändert Celan auf einen Hinweis Szondis ein Wort in seinem Gedicht „Einem Bruder in Asien"; dankenswerterweise haben die Herausgeber an dieser Stelle auch den Antwortbrief abgedruckt. Drei Jahre darauf nahm Paul Celan sich das Leben, anderthalb Jahre später Szondi; er hinterließ keinen Abschiedsbrief.

Peter Szondi: Briefe, hg. v. Christoph König u. Thomas Sparr, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1993, 380 S.

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