Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 

 

Siebgebers Kolumne entstand in den späten Jahren der Merkel-Herrschaft, die geprägt wurden durch ein Klima des politischen Konformismus und der Zuspitzung gesellschaftlicher Differenzen nach dem Motto Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich und muss aus der öffentlichen Debatte entfernt, zumindest unsanft an den Rand gedrängt werden. Gleichzeitig wurden politische Entscheidungen getroffen, deren Brisanz für jeden Einsichtigen offenlag und deren verheerende Auswirkungen das Land gegenwärtig nach und nach zu spüren beginnt.
Siebgebers Aufzeichnungen enden am 8. Mai 2020. Zusammengefasst und nach Themen geordnet lassen sie sich nachlesen in dem Buch Macht ohne Souverän. Die Demontage des Bürgers im Gesinnungsstaat, das 2019 erschien und nebenher das Pseudonym, besser, die literarische Maske des Autors aufdeckte. Im Land der Masken wirkt dergleichen Mummenschanz ohnehin wie aus der Zeit gefallen. Was nicht gegen ihn sprechen sollte.
Ulrich Schödlbauer

von Ulrich Siebgeber

1.

Ein Deutscher, der im Jahre 1968 das Licht der Welt erblickt hätte und damit auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken könnte, wäre in seinem ersten Lebensjahrzehnt, angenommen, er hätte das Land nicht verlassen, mit einer durchschnittlichen Jahresdurchschnittstemperatur von 8,0 Grad Celsius konfrontiert gewesen. Dieses erste Jahrzehnt hätte sein Temperaturempfinden auf lange Zeit, vermutlich lebenslänglich, geprägt: 8 Grad, das ist Deutschland, so fühlt es sich an, wenn man hier wohnt, im Winter eher kalt, im Sommer eher warm, gelegentlich heiß, aber das muss man in diesen Breiten nicht haben.

Derselbe Deutsche, glücklich im Jahr 2017 angekommen, hätte, wiederum aufs Jahrzehnt gerechnet, eine Jahresdurchschnittstemperatur von 9,33 Grad Celsius ertragen müssen (für 2018 liegen die Daten noch nicht vor, das Jahr sei daher geschenkt), also einen Wert, der exakt 1,33 Grad über der Temperatur liegt, auf die sein Körper, sozusagen, durch Geburt geeicht wurde.

2.

Bevor wir die Frage, ob einem deutschen Körper eine solche Leistung zumutbar sei – man bedenke die jahreszeitlichen, durch zahlreiche Auslandsaufenthalte signifikant in die Höhe getriebenen Schwankungen! –, weiter erörtern, betrachten wir das Los eines nur unwesentlich jüngeren Zeitgenossen, geboren im Jahre 1974. Für ihn liegt der Durchschnittswert der ersten zehn Jahre bei 8,42 Grad Celsius, jedenfalls für den Fall, dass der Wikipedia-Eintrag korrekt ist. Für einen derart Geeichten läge also die Differenz auf 2017 bei 0,85 Grad.

Doch die interessantere Zahl verbindet ihn mit seinem gerade einmal 7 Jahre jüngeren Landsmann, sofern dieser Ausdruck noch den Faustregeln der politischen Korrektheit genügt. 0,42 Grad sind für den, der nicht zwanghaft zum nächsten Spiegel-Artikel greift, nicht weniger als die Hälfte der Differenz zu dem, was ein Deutscher erlitten haben würde, der im Jahr 2008 diesen unglücklichen Planeten betreten hätte, um ihn nach einer ungewissen Anzahl von Jahren wieder zu verlassen, sofern auch hier die ersten zehn Lebensjahre als die prägenden anzusehen sind.

Es wäre für die soziologische Forschung der Jahre 2018ff. ein Leichtes, die Folgen des Hitzeschocks, der die heute Fünfzigjährigen, verglichen mit der 1974-er Generation, in den schwierigen Jahren der Pubertät ereilte, durch einfühlsame Protokolle mit dem Lebensgefühl der 1974er abzugleichen – und so immerfort weiter bis zum Heute, an dem alle so heftig leiden.

Solange es nicht so weit ist und der homo sapiens sapiens parlans sich über solche Fragen mit dem Nachbarn am Gartenzaun oder bei Aldi verständigt, ergibt sich die erstaunliche, zwar nicht empirisch, aber intuitiv gewonnene Einsicht: Keiner hat was gemerkt.

Frage: Was hätte er merken sollen? Hätte er (oder sie) etwas merken sollen? Hätte er/sie etwas merken können?

3.

Die wirkliche Frage aber steht noch aus.

Wie konnte es kommen, dass sich in demselben Deutschland seit den nicht ohne Hintersinn Nuller-Jahre genannten ersten Jahren des 21. Jahrhunderts eine derart umfassende Temperatur-Sensibilität breitgemacht hat, dass (entschuldigen Sie das doppelte ›dass‹, aber es muss wie ein Hammer aufs erschütterte Gemüt fallen, um die so bitter nötige Einsicht freizusetzen) – dass in diesen sommerlich heiteren Tagen deutsche Zeitungen und Zeitschriften sich veranlasst sehen, Wüsten-Ausgaben zu drucken, um ihr Publikum allenfalls prophylaktisch noch zu erreichen, bevor mit dem vorletzten Quentchen Flüssigkeit auch die Hirnsubstanz verdampft, weil den Leuten keiner rechtzeitig gesagt hat, was hier bald los ist?

Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten.

Sie lässt sich nicht leichter beantworten, wagt man den Test am Gartenzaun oder beim Aldi-Einkauf. Keiner weiß dort etwas von einer Jahrestemperatur, geschweige denn einer Zehnjahrestemperatur, und man erreicht höchstens die Auskunft Nicht frech werden, Bürschchen, wenn man darauf insistiert. Natürlich erinnern sich die Leute an heiße Sommer und kalte Winter, aber So heiß wie jetzt war’s noch nie. Was empirisch falsch ist und überdies nicht auf die Klimafrage eingeht. Ist es nun gut oder schlecht, dass es früher richtigen Schnee gab? Allein das ist schwer zu ergründen.

Natürlich könnte man auch Psychologen, speziell Gedächtnisforscher danach fragen, was es mit den gefühlten Temperaturen, den gefühlten Sommern und Wintern und all dem anderen auf sich hat. Sie würden einem erklären, dass Menschen sich überhaupt nicht an einen Sommer oder einen Winter erinnern können, jedenfalls nicht primär, sondern höchstens an einzelne Sommer- und Wintertage, und schwer ins Trudeln kämen, wollte man diese nach Jahr und Datum kalendarisch fixieren. An einen einzelnen Schneefall, der vielleicht mit einem weiteren oder einer Reihe weiterer verschwimmt, kann jeder Mensch sich erinnern, an einen schneereichen oder schneearmen Winter keiner. Hier springen die Aufzeichnungen ein, an die sich außer Spezialisten auch keiner erinnert.

4.

Was wirklich bleibt, ist das unendliche Gerede, das seit damals den Einzelnen und seine Erlebnisse umhüllt, um ihm ein wenig Festigkeit auf seiner Erdenbahn zu ermöglichen. »Weißt du noch, wie?« Aber selbstverständlich, Ehrensache. »Meiner Treu!« hätte der Münchhausen-Deutsche gerufen, »Wer daran zweifelt, hat diese Zeit nicht erlebt!« Und er hätte, dem zweifelhaften Namen zur späten Ehre, damit ein wenig recht gehabt.

Welch’ Glück, dass sich dieses große Kulturvolk eine Wissenschaft leistet, um deren Erkenntnisse es sich einen Dreck schert, und die so sinnreich verstummt, wenn das Sommerstroh eingebracht werden muss, damit die Ernte draußen vertrocknet.

5.

Merke:

In Deutschland herrscht, neben und unter der Erdkanzlerin, Erdklima. Bis es eine Jahresdurchschnittstemperatur des Sonnensystems geben wird und sich herausstellt, dass sie dramatisch steigt, wird sich daran auch nichts ändern.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitreihe_der_Lufttemperatur_in_Deutschland#1961_bis_1970

 

Die Regenmacher

Wege aus der Dunkelflaute

 

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